Statement von Adefra e.V. anlässlich der aktuellen Förderzusage des Bundestages an das Deutsche Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM), mit insgesamt neun Millionen Euro zur Stärkung der Rassismus-Forschung in Deutschland

by Maisha Auma
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Sieben Thesen zur Dringlichkeit von Black Studies (in) Deutschland – Angesichts der beginnenden Institutionalisierung von Rassismusforschung als Integrationsforschung

 

 

Die Schwarzen politischen Communities begrüßen es ausdrücklich, dass die Politik zunehmend das virulente Problem des strukturellen und institutionalisierten Rassismus in Deutschland ernstnimmt und thematisiert. Auch begrüßen wir ausdrücklich die Initiative der Politik Rassismusforschung nachhaltiger unterstützen zu wollen. Allerdings wirft die aktuelle Entscheidung des Bundestages, die Forschung zu Rassismus in Deutschland mit einer dreijährigen Fördersumme von insgesamt 9 Mill zu stimulieren und diese Summe ausschließlich dem Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) zuzusprechen, Fragen und Irritationen bei mehrfachvulnerablen, rassistisch marginalisierten Communities auf. Die alleinige Anbindung einer solchen Forschung an das DeZIM halten wir für einen problematischen Weg. Eine Tiefenwirkung und damit nachhaltige Ergebnisse zur Bekämpfung von systemischem, institutionalisierten Rassismus aufzubauen, kann nicht auf der Basis von quantitativer Forschung erzielt werden. Eine durchaus notwendige sogenannte >Betroffenenerhebung< und ein institutions- und strukturbezogenes „Rassismus-Monitor“, wie es das DeZIM plant, muss aus einer rassismuserfahrenen und -kritischen Forschungsperspektive generiert werden und in einer intersektional-solidarischen Bewegungsinfrastruktur verankert sein. Diese wichtigen Bedingungen sind mit der Förderentscheidung des Bundestages nicht erfüllt. 

 

Wir formulieren im Folgenden 7 Thesen, die in unserem Verständnis grundlegend sind für die Errichtung einer intersektionalen, institutions- und strukturbezogenen Rassismusforschung: 

 

1)  Anerkennung trans-diasporischen bewegungsgeschichtlichen Wissens: Die Tatsache, dass es in Deutschland eine allgemein wahrnehmbare diskursive Öffnung gibt, über strukturellen Rassismus nicht nur in den USA, sondern auch hier in unseren eigenen gesellschaftlichen Verflechtungen zu sprechen, verdanken wir einer transnationalen afrodiasporischen Bewegung. Die #Black-Lives-Matter-Bewegung hat durch ihre kontinuierliche, öffentliche Widerständigkeit auch in Deutschland die Besprechbarkeit von Anti-Schwarzen Rassismus maßgeblich ermöglicht. Die Rezeption dieser transnationalen Bewegung basiert gerade in Deutschland vor allem auf den Konzeptentwicklungen und Wissensproduktionen von Schwarzen und PoC-Wissenschaftler*innen der letzten zwei Jahrzehnte.

 

 

2) Anerkennung der epistemischen Bedeutung der Erforschung von Anti-Schwarzen Rassismus: Schwarzes Leben ist kein Markt, auf dem sich weiße Wissenschaftler*innen neue Thematisierungen für ihren Karriereaufbau extrahieren können. Gleichzeitig werden Schwarze Wissenschaftler*innen und Schwarze (kollektive) Wissensproduktionen stets nur zum temporären Expertisen-„Austausch“ geladen und in Verfahrens- und Maßnahmeentwicklungen eingebunden. Es ist nach wie vor gängige Praxis, dass weiße Forschungsperspektiven individuell wie institutionell den Diskurs um Rassismus-(Forschung) steuern und bestimmen. Dabei folgen die heutigen Entscheidungen einer langen deutschen Wissenschaftsgeschichte, die dazu beigetragen hat, dass Anti-Schwarzer Rassismus fast gänzlich aus dem Kollektivbewusstsein in Deutschland herausgeschrieben wurde. Dazu gehört, dass Schwarze Wissenschaftler*innen, die maßgeblich zu einem Korpus von einschlägigen Arbeiten zu diesem Themenkomplex beigetragen haben, ignoriert und übersehen werden. Ihre wissenschaftlichen Erzeugnisse werden zwar verwertet aber erneut marginalisiert. Erfahrungsbasiertes, herrschaftsreflektierendes Wissen zu Anti-Schwarzen Rassismus bildet die Grundlage einer auf Veränderung und Gleichstellung angelegten Forschungsarbeit zum Abbau von Anti-Schwarzen Rassismus. Diese spezifischen gesellschaftlichen Beiträge und wissenschaftlichen Erträge müssen bei der Etablierung der Rassismusforschung re/zentriert werden.

 

3) Überwindung des Integrations- und Migrationsmodells: Mit der Förderentscheidung für das DeZIM bekennt sich der Bundestag dazu, Forschungen zu strukturellem/institutionellem Rassismus unter der Folie von Integrations- und Migrationsforschung zu etablieren. Die meisten rassismuserfahrenen politischen Communities und Kollektive in Deutschland finden sich jedoch in dieser Integrations- und Migrationsmatrix nicht wieder. Mehrere der im Nationalen Aktionsplan gegen Rassismus (NAPR, 2017) anerkannten vulnerablen Gruppen sind im DeZIM nicht hinreichend vertreten. Ihre Marginalisierungs- und Dehumanisierungsrealitäten können nicht in einer solchen Matrix der >Integration< er/beforscht werden. Die Förderentscheidung des Bundestages trägt nicht dazu bei, diese historische Chance eine Forschung zu etablieren, die nachhaltig die Probleme der institutionalisierten und strukturellen Verflechtungen von Rassismen in Deutschland herausarbeitet, gerecht zu werden. Vielmehr unterstützt und stärkt diese Entscheidung das Integrations- und Migrationsmodell, in dem rassismuserfahrene Lebensrealitäten oftmals paternalistisch und klientifizierend behandelt werden. Rassismusforschung als Integrationsforschung ist kein zukunftstauglicher Ansatz für eine rassismus- und diskriminierungskritisch orientierte hyperdiverse, postmigrantische Gesellschaft.

 

4) Repräsentanz statt Lobbyismus: Die mannigfaltigen Herausforderungen, vor denen wir als Gesellschaft stehen, lassen sich nicht adäquat begegnen, indem in den politischen, wissenschaftlichen und medialen Gremien, Räumen und Strukturen rassismuserfahrene Lebensrealitäten marginalisiert oder lediglich temporär konsultativ herangezogen werden. Ohne eigene Repräsentanz werden rassistisch marginalisierte Interessen nicht vertreten, werden unsere Wissensproduktionen nicht gefördert, kann unsere bewegungsgeschichtliche Arbeit keine nachhaltigen Infrastrukturen aufbauen. Es bedarf der Schaffung von Schwarzen diasporischen Repräsentationen in einschlägigen Gremien, damit wir für uns selbst sprechen können. Da im Kabinettsausschuss gegen Rechtsextremismus und Rassismus die Position eine*r Antisemitismusbeauftragte*n als ständiger Gast möglich ist, muss in einem Ausschuss zur Bearbeitung von Rassismus gerade die Position einer Rassismusexpert*in eingerichtet werden.

 

5) Errichtung einer Stelle eine*r Beauftragte*n für Rassismus und Rassismuskritik: Es ist bezeichnend, dass es noch keine solche Stelle in Deutschland gibt. Während die Fördermittel zur Erforschung von Rassismus an eine Integrations- und Migrationsforschungseinrichtung gehen, ist es zudem nicht möglich, die eklatanten Leerstellen in der Besprechbarkeit und damit Beschreibbarkeit von institutionellen und strukturellen Rassismus bei solch einer Forschung konstruktiv zu flankieren. Dies könnte mit der einschlägigen Wissenserfahrung einer solchen Stelle möglich sein, wie es sich auch mit der Struktur de*r Antisemitismusbeauftragte*n zeigt. Deutschland braucht endlich die Einrichtung einer Stelle eine*r Beauftragte*n für Rassismus und Rassismuskritik, die die unabdingbare Verschränkung von rassismuserfahrenen Wissensproduktionen mit staatlichen Maßnahmeentwicklungen und Institutionalisierung bzw. Mainstreaming von Rassismuskritik herstellt.

 

6) Standardisierung von rassismuskritischen Förderkriterien und -praxen: Die o.g. Punkte machen deutlich, warum wir in der Zuwendungs- und Förderpraxis des Bundes (und der Länder) eine Standardisierung der Förderkriterien hinsichtlich der Verankerung einer rassismuskritischen Perspektive brauchen. Jede Förderentscheidung muss sich daran messen lassen, inwieweit es rassismuserfahrenes Wissen und Lebensrealitäten nicht nur einbindet, sondern es zur Grundlage der Forschungs-, Gleichstellungs- und Veränderungsarbeit macht. Diese muss zudem so in den politischen Communities eingebettet sein, dass deren Wissen wie Erfahrung nicht als „Fremdgruppen“erhebungen in der Forschung verwertet werden. Jede Forschung, die die zu beforschenden Gruppen nicht signifikant selbst mit als Expert*innen im Projekt verankert haben, ist eine „Fremdgruppen“forschung, die zur Reproduktion exkludierender Beschreibungen und Definitionen von BIPoC und der Re_Zentrierung einer autochton denkenden Mehrheitsgesellschaft beiträgt.

 

7) Unverzügliche Umsetzung einer Ressourcengerechtigkeit: Die Entscheidung des Bundestages zur Forschungsförderung des DeZIM zeigt einmal mehr, dass wieder Ressourcen dort gebündelt werden, wo sie bereits sind und wo sie systemimmanent und erhaltend verausgabt werden. Dies ist bereits ein zentrales Problem strukturellen Rassismus, welches mit dieser Entscheidung gleich mit reproduziert und verfestigt wird. Die Wissensproduktionen und Forschungen von afrodiasporischen und anderen NAP-spezifizierten rassistisch marginalisierten Gruppen werden weder zur Kenntnis genommen noch formal anerkannt. Sie erhalten keine strukturrelevanten Förderungen. Wir fordern Ressourcengerechtigkeit, die mit einer unverzüglichen Ressourcenumverteilung beginnt. Wir fordern daher sowohl das DeZIM als auch den Bundestag auf, erste Schritte zur Ressourcengerechtigkeit zu unternehmen: Das DeZIM sollte von der jährlichen Fördersumme von 3 Millionen 2/3 an den Bundestag zurückgeben bzw. die Verausgabung von nur einem Drittel veranschlagen. Der Bundestag beschließt eine jährliche Förderzusage von jeweils 1 Million für eine intersektionale Rassismusforschung aus Schwarzer sowie Sintezza- und Romnjaperspektive. Hier ist u.a. an die institutionelle Einrichtung von „Black Studies“ in Deutschland zu denken, die auf der Basis der >Black Studies Movement< - die es auch in Deutschland ohne institutionelle Einbindung seit 20 Jahren gibt – aufgebaut wird. Die Verausgabung dieser Fördersummen werden gemeinsam mit den politischen Communities getroffen.

 

 

 

Stellungnahme zum Umgang mit Philippa Ebéné, Geschäftsführerin der Werkstatt der Kulturen, Wissmannstraße 32, 12049 Berlin und der Zukunft der WdK

by Maisha Auma
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Stellungnahme zum Umgang mit Philippa Ebéné, Geschäftsführerin der Werkstatt der Kulturen, Wissmannstraße 32, 12049 Berlin und der Zukunft der WdK

  

Sehr geehrter Senator Dr. Lederer,

Sehr geehrter Staatssekretär Dr. Wöhlert,

Sehr geehrte kulturpolitische Sprecher*innen,

Sehr geehrte kulturadministrative Verantwortliche,

Sehr geehrte Vertreter*innen des Landesbeirat für Integrations- und Migrationsfragen,

Lieber Migrationsrat,

Als Schwarzes queer*feministisches Kollektiv und kulturpolitisches Forum von und für Schwarze Frauen* möchten wir von ADEFRA e.V. unser Unverständnis darüber ausdrücken, in welcher Weise die Senatsverwaltung für Kultur und Europa mit der Werkstatt der Kulturen (WdK) und ihrer langjährigen Geschäftsführerin, Philippa Ebéné, umgeht. Dass eine international renommierte, gut funktionierende und von Schwarzen Communitys / Communitys of Color im In- und Ausland hoch geschätzte Einrichtung einfach abgewickelt wird, ist schwer verständlich. Dass dies außerdem während der UN-Dekade für Menschen afrikanischer Herkunft (2015-2024) geschieht, ist mehr als unverantwortlich. Welches Signal soll mit dem nun neuen und nicht näher definierten »Kulturstandort Wissmannstraße« in diesem Zusammenhang gesetzt werden? Weshalb ist die Neukonzeption einer Einrichtung notwendig, die sich im Laufe der Jahre ein komplexes kulturpolitisches Profil erarbeitet hat? Und wer trifft vor welchem Hintergrund und mit welchem Interesse welche personalpolitischen Entscheidungen?

Fakt ist, dass es Philippa Ebéné und ihrem Team gelungen ist, in der WdK einen partizipatorischen Raum zu schaffen, der auf einem diskriminierungskritischen und zutiefst transkulturellen Verständnis von Begegnung, Kommunikation und Austausch basiert. Unter ihrer Leitung entwickelte sich die WdK zu einem Kulturstandort, der seitdem stark von Schwarzen Menschen und Menschen of Color frequentiert worden ist. Anders als in den meisten anderen Kultureinrichtungen Berlins und Deutschlands hatten Schwarze Künstler*innen / Künstler*innen of Color sowie community-basierte kulturpolitische Vereine hier die Möglichkeit, Veranstaltungen zu konzipieren, in ihrem Sinne durchzuführen und ihre Perspektiven sowohl gesellschaftlich als auch kulturell verhandelbar zu machen. Darüber hinaus stellt die WdK einen wichtigen Ort dar, an dem community-übergreifende und transdiasporische (Selbst)-Repräsentationen erfahrbar gemacht worden sind und innovative Kulturkonzepte zum Tragen kamen. Die WdK ist somit kein einfacher oder gar beliebiger Kulturstandort, sondern wichtiger Bestandteil einer Infrastruktur, die vor allem durch die Kulturarbeit von Schwarzen Menschen / Menschen of Color unterstützt und aufrechterhalten worden ist.

Kulturarbeit ist immer auch Repräsentationspolitik. Kritische Repräsentationspolitiken wiederum stellen immer eine unabdingbare Voraussetzung dar, um strukturellen und systemischen Rassismus zu bekämpfen. Schwarze Berliner*innen und Berliner*innen of Color haben das Recht, sowohl in öffentlich geförderten Institutionen als auch in den Institutionen selbst angemessen repräsentiert zu sein. Davon kann bislang allerdings weder im Kulturbetrieb noch in anderen institutionellen oder akademischen Bereichen auch nur annähernd die Rede sein. Angesichts dessen ist es irritierend und mehr als besorgniserregend, dass in einem vergleichsweise kurzen Zeitraum bereits zwei herausragende Schwarze, feministische Führungspersönlichkeiten in Berlin von der Politik ›kaltgestellt‹ wurden. Dass es sich in beiden Fällen um etablierte und in ihren jeweiligen Bereichen anerkannte Schwarze Frauen* handelt, die über enge Verbindungen zu Schwarzen Communitys verfügen und diese Verbindungen für ihre Arbeit nutzbar gemacht haben, ist besonders auffallend.

Für uns zeigt sich an dieser Stelle, dass der Berliner Senat eine Politik des Teile und Herrsche verfolgt. Dass in Bereichen, in denen machtkritische Verhandlungen geführt werden, Schwarze feministische Persönlichkeiten oder Persönlichkeiten of Color nicht einfach durch Weiße ersetzt werden können, ist als politische Strategie inzwischen offensichtlich ›angekommen‹. Dies bedeutet – leider ebenso offensichtlich – aber nicht, dass Zukunftspläne für die Einrichtung oder Überlegungen für eine personelle wie konzeptionelle Neubesetzung transparent gemacht oder gar öffentlich diskutiert werden. Vor diesem Hintergrund die Leitung einfach einer anderen Schwarzen Person / Person of Color bzw. einem neuen wirtschaftlichen Kollektiv zu übertragen, unterstreicht die Austauschbarkeit und Token-Funktion von BPoCs in Führungspositionen und gilt als ›rassistischer Klassiker‹.  Zudem verlassen nun Tmnit Zere, Nathalie Mba Bikoro und Saskia Köbschall das neu installierte Projekt 'Kultur NeuDenken UG'. Sie steigen somit faktisch sowohl aus dem Betrieb des Kulturstandorts Wissmannstraße, als auch aus der öffentlich beworbenen queer-feministischen dekolonialen Konzeption aus. Das sehen wir als ein klares Scheitern dieses vonseiten des Senats forcierten Konzepts.

Wir möchten uns den zahlreichen Überlegungen und Forderungen anderer Organisationen, wie dem Migrationsrat, dem Korea-Verband und ..., anschließen und fordern die Politik und die Senatsverwaltung auf, angesichts der neuen Entwicklungen rund um den »Kulturstandort Wissmannstraße« umgehend eine, die Communities einbindende, Strategie zur nachhaltigen Wiedereinrichtung der WdK vorzulegen und den Abbau der WdK zu stoppen. 

Die WdK hat funktioniert! Ihre wichtige und gute Arbeit in nachhaltige und auch wirtschaftliche Strukturen zu geleiten, ist Aufgabe des Berliner Senats. Dies beinhaltet die Klärung einer Strukturförderung, Intendanz und weiterer dazugehörige Gremien. 

Berlin, 8. Februar 2020

 

Prozessbegleitung UN-Dekade für Menschen afrikanischer Herkunft (2015 - 2024)

by Maisha Auma
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Sachstand zur Senatsvorlage zur Kenntnisnahme des Abgeordnetenhauses von Berlin;

Maßnahmenplanung für die Gleichstellung von Menschen afrikanischer Herkunft und
zum Abbau von deren Diskriminierung durch Anti-Schwarzen Rassismus

 

Nach intensiver erneuter Beratung mit der Zivilgesellschaft (Communitys afrikanischer Herkunft in Berlin) und mit den Fachverantwortlichen in den Berliner Senatsverwaltungen (vorwiegend die Arbeitsebene, Ansprechpersonen für die UN-Dekade aus den Fachressorts) im ersten Halbjahr 2020, möchten wir folgenden Sachstand der Konsultationen, Fachgespräche und Beratungen zur Kenntnis geben:

 

1)    Maßnahmenpläne zur Implementierung der UN-Dekade werden in ihrer Reichweite als unzureichend angesehen. Es ist stattdessen sinnvoller, eine Gesamtstrategie anzustreben; im besten Fall sogar eine Senatsstrategie.

2)    Von den Fachverwaltungen sind wir darauf hingewiesen worden, dass ein klarer Auftrag von Seiten der Politik an die Arbeitsebene gerichtet sein muss. Im besten Fall ist dieser Arbeitsauftrag im Rahmen einer Runde der Staatssekretär*innen zu formulieren und erst dann an die Arbeitsebene zu richten. Regelmäßige Runden auf der Ebene der Staatssekretär*innen werden als Voraussetzung für wirkmächtige Implementierungsarbeit angesehen.

3)    Inhaltlich melden einige Fachressorts der Berliner Verwaltung, dass es ein Dilemma darstellt, spezifische Gruppen als besonders von Exklusion betroffen hervorzuheben. Es gibt eine große Zurückhaltung, Menschen afrikanischer Herkunft als vulnerable Gruppe explizit zu benennen und ihre Diskriminierung zu beziffern. Hier müssen Lösungen gefunden werden, die sowohl prinzipiell Gruppen mit extrem hohen Diskriminierungsrisiken gemeinsam benennen als auch die jeweilige Situation dieser Gruppen differenziert adressieren (hierzu gehören z.B. Menschen afrikanischer Herkunft, Sinti und Roma, jüdische Menschen, Menschen, die als muslimisch gelesen werden, als Muslim*innen sozialisiert sind oder den Islam praktizieren, LSBT*IQ-Menschen). Formate wie Gender Mainstreaming oder das IGSV sind hierfür geeignete Modelle.

4)    In Absprache mit Vertreter*innen der Selbstorganisationen von anderen rassistisch marginalisierten, vulnerablen Gruppen in Berlin sowie mit Fachverantwortlichen zivilgesellschaftlicher Organisationen in Berlin befürworten wir nach den rassistisch motivierten Morden von Hanau die Einrichtung einer Enquête Kommission: Rassismuskritik.

5)    Von Seiten der Fachressorts der Berliner Verwaltung haben wir den Hinweis bekommen, dass die Bezirksebene (Bezirksämter) stärker in die Planung der Implementierung der UN Dekade für Menschen afrikanischer Herkunft einzubinden sei. Dies sollte sich in den Ressourcen für den Prozess wiederspiegeln.

 

 

Das Projektteam der Prozessbegleitung

Prof. Dr. Maureen Maisha Auma (Hochschule Magdeburg-Stendal/TU Berlin)

Katja Kinder (RAA Berlin)

Peggy Piesche (Bundeszentrale für politische Bildung)

 

Berlin, im Juni 2020

Statement von Generation Adefra zum Cutie BIPoC Festival Juli 2019 in Berlin (dt.)

by Maisha Auma
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1) Auf dem Abschlussplenum des letzten Cutie BIPoC Festivals wurde über verschiedene Vorfälle von Anti-Blackness in unseren Cutie BIPoC Räumen diskutiert und der fehlende kollektive Umgang damit, auch in Bezug auf das vorangegangene Festival in Kopenhagen (2017). Die Kritik wurde maßgeblich von Cuties afrikanischer Herkunft artikuliert, die ihre nachhaltige Erschütterung im mangelnden Umgang mit Anti-Blackness in unseren Cutie BIPoC Räumen zum Ausdruck gebracht haben. Wir sind dabei von unterschiedlichen Organisator*innen angesprochen worden, unsere über 30jährige kollektive Erfahrung im Umgang mit Anti-Blackness und dem konstruktiven Konfliktaushandeln in Cutie BIPoC Räumen stärker in die Organisation des nächsten Festivals einzubringen. Diese Gespräche liefen kollegial und solidarisch. Wir waren daher sehr offen für den konkreten Vorschlag beim nächsten Cutie BIPoC Festival in Berlin uns vor allem bei der Programm- und Workshop-Gestaltung einzubringen.

 

2) Seit dem letzten Berlin-Festival im Sommer 2018 hat sich Einiges entscheidend verändert. Dabei kam es zu mehreren Eskalationen innerhalb der Cutie-BIPoC Gemeinschaft in Berlin. Es geht um grenzverletzendes und gewaltförmiges sexualisiertes Verhalten in sexuellen Situationen und Interaktionen. Diese Grenzverletzungen sind wiederholt passiert. Sie sind in sex-positiven Cutie-BIPoC Räumen (Bound-Festival und private post-festival-Räumen) passiert. Sie haben uns alle nachhaltig erschüttert und verunsichert. Wir als Generation Adefra haben von all dem erst davon erfahren, nachdem diese Grenzverletzungen passiert sind. Wir wurden konkret angefragt, ob wie uns gerade mit Blick auf „den Umgang mit Anti-Blackness in Cutie BIPoC Räumen“ an der Accountability Gruppe zu diesen Grenzverletzungen beteiligen. Wir haben uns entschieden, dass wir zu Dritt von Generation Adefra in den Accountability Prozess einsteigen und unsere machtkritische Perspektive auf Anti-Blackness in einer kollektiven Accountability in den Prozess dieser Gruppe  einzubringen.

 

3) Diese Accountability Gruppe hat von Oktober 2018 bis Juni 2019 intensiv und dabei auch äußerst konfliktreich und reibungsintensiv gearbeitet. Wir haben mit den Mitteln, die uns zur Verfügung stehen, versucht, die komplexe Lage, so gut es möglich war, zu deeskalieren und zu sichern. Es gibt sehr viel Kritik an der Arbeit der Accountability Gruppe. Einiges von der Kritik können wir nachvollziehen. Die Kritik war in Teilen direkt gegen ADEFRA in einer Art und Weise, die uns wiederrum nachhaltig schockiert hat, geäußert. Die Kritik empfanden wir als wenig miteinander und nicht empathisch, sondern beschuldigend und destruktiv. Zum Teil wurden auch einzelne Akteur*innen unserer Gruppe anonym kritisiert. Das finden wir nicht konstruktiv. Die Situation hat sich für uns nunmehr so zugespitzt, dass wir als Generation Adefra angegriffen, verunglimpft und beschimpft werden. Dies erfolgt vor allem unoffen und wird uns oftmals über Dritte zugetragen. Unter solch einem Umstand können unserer Erfahrung nach keine konstruktiven Auseinandersetzungen und Konfliktklärungen erfolgen.

 

4) Daher unsere Entscheidung: Wir haben uns nach langer Überlegung und im Austausch mit dem Orga-Team entschlossen, keine der o.g. Aufgaben beim CutieBIPoC Festivals 2019 zu übernehmen. Uns fehlt der notwendige Rückhalt dazu. Es gäbe viel mehr zu jedem Punkt zu sagen. Wir halten es jedoch nicht für sinnvoll, dies in einem unbestimmten, offenen Forum zu tun. Wir bestehen seit über 30 Jahren als Schwarzes Queeres feministisches Frauen* Kollektiv. Das war uns möglich, weil wir unsere Eigenständigkeit wahren und uns entscheiden, unter welchen Umständen wir uns engagieren. Wir sind Teil dieser CutieBIPoc Community und bewegen uns weiterhin solidarisch in unseren Räumen und werden uns auch dieses Jahr am Festival als Teilnehmende beteiligen.

 

Solidarische Grüße. 

 

Team Generation Adefra 

 

Statement from Generation Adefra to Cutie BIPoC Festival July 2019 in Berlin (english)

 

1) There was an important discussion about Anti-Blackness in Cutie-BIPoC contexts, during the final plenum of the last Cutie-BIPoC Festival in Berlin (2018). References were also made to the Copenhagen Cutie-BIPoC Festival (2017). A need was articulated to find more constructive ways of addressing and working through pervasive Anti-Blackness. This critique was voiced mostly by Cutie-BIPoCs-of-African-Heritage. Our Black Feminist* Collective Adefra was approached by several organizers, who inquired on whether we would be willing to contribute to this specific process, by using our expertise emerging from over 30 years of organizational work. We were asked to contribute to this year’s (2019) Festival. All conversations around this participation were grounded in solidarity. We felt confident, that we would be able to engage in a constructive way.

 

2) Things however took a significant turn since Fall of 2018. There have been a series of escalating interactions within the Cutie-BIPoC Communities in Berlin. These have been set off by non-consensual, aggressing, violent, sexualized ways of behaving and interacting. These violent interactions and acts were carried out repeatedly. They happened in sex-positive Cutie-BIPoC Spaces (BOUND-Festival and private post-festival spaces). These acts and their Afterlives have shaken us all to the core. Our Collective Generation Adefra only found out about these acts of sexualized violence after they had happened. We were asked to join an Accountability group, because we have expertise in dealing with complex conflicts especially with regard to Anti-Blackness. Three of us from Adefra then became a part of an Accountability process. Our power-critical, intersectional critical race perspective is what we brought to the ‘queer-kitchen-table’.

 

3) This Accountability group worked very intensely and with many conflicts from October 2018 to June 2019. We tried to use all and any resources available to each of us, trying to deescalate and to stabilize the situation, without involving mainstream policing and legal systems. We tried to attend to the integrity of the process as best we knew how. There has been a great deal of criticism brought towards us as a group. Some members of the group were singled out and criticized anonymously. Some of the criticism makes sense to us, much of it does not. We have experienced enormous hostility towards us as Adefra. This has shocked us greatly. We found the criticism towards us to be lacking in empathy. We found it to be accusatory and destructive in character. The situation has devolved to a level at which our collective feels like we are being singled out and targeted. We hear unkind criticism towards us through third persons, in very different spaces. It does not make sense for us to engage in the facilitation of the Festival, in such an atmosphere where there is no direct and empathetic critique.

 

4) We have therefore come to following decision: After a long period of deliberation, we have decided not to take part in the organizing of this years Festival. There would be a great deal to say to each point we have made here. It does not make sense for us to do this in an open and anonymous forum. We will not facilitate any workshops. We do not have the necessary support to do so. We have survived over 30 years as a Black queer Feminist* Collective. This was possible due to clarity about when and where and under which circumstances it furthers our cause and our wellbeing - or harms our cause and wellbeing to become involved. We have decided to acknowledge our autonomy. We are a part of the Cutie-BIPoC Communities in Berlin and will as such engage as participants, in a constructive way in this year’s festival.

 

In Solidarity.

 

TeamGenerationAdefra